Ergänzung eines bestehenden Erhebungsinstruments zum Umgang von Lehrkräften mit „Fehlvorstellungen“ von Schülern by Melanie Stein

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ISBN 13: 9783737650045

ISBN 10: ‎3737650047

Author: Melanie Stein‎

Published: 2016 February 05

Language: German‎

Publisher: Kassel University Press

Length: 107‎

ergänzung erhebungsinstruments fehlvorstellungen lehrkräften schülern umgang





Seit langem sind „alternative Vorstellungen“, „Fehlvorstellungen“ oder „miscon-
ceptions“, also Vorstellungen, die nicht mit dem aktuellen wissenschaftlichen
Konsens in Einklang stehen, weltweit ein Forschungsgegenstand der Chemie-
didaktik. Konstruktivistische Lerntheorien können dabei das Auftreten alternati-
ven Vorstellungen bei Schülerinnen und Schülern ebenso erklären, wie die
Tatsache, dass das Vorliegen solcher Vorstellungen für das Weiterlernen
hinderlich sein kann. Auf der Basis dieses theoretischen Verständnisses
wurden in der Vergangenheit eine ganze Reihe von Vorschlägen entwickelt,
wie Lehrende konstruktiv mit alternativen Vorstellungen von Lernenden
umgehen könnten – allerdings ohne dass sich gezeigt hätte, dass damit die
unterrichtlichen Probleme, die alternative Vorstellungen mit sich bringen,
merklich zurückgegangen wären.
Vor diesem Hintergrund wurde in Kooperation zwischen den Universitäten in
Dortmund und Kassel ein Projekt durchgeführt, mit dem erforscht werden soll-
te, wie Lehrkräfte mit Fehlvorstellungen von Schülern wirklich umgehen. Um
dabei nicht darauf angewiesen zu sein, bei Unterrichtsbesuchen oder -beob-
achtungen zufällig auf Fehlvorstellungen von Lernenden zu stoßen, wurde ein
Fragebogen entwickelt, der die Reaktion der befragten Lehrkräfte auf in typi-
sche Lehrsituationen eingebettete Fehlvorstellungen abfragte. Die im Folgen-
den wiedergegebene wissenschaftliche Hausarbeit im Rahmen der Ersten
Staatsprüfung für das Lehramt an Gymnasien im Fach Chemie von Melanie
Stein hatte dabei die Aufgabe, das für diese Erhebung bestehende Instrument
um weitere Fragen und somit weitere eingebettete Fehlvorstellungen zu erwei-
tern.
Dazu widmet sich Frau Stein zu Beginn ihrer Ausführungen den theoretischen
Grundlagen der sogenannten „Fehlvorstellungen“ von Schülern. Sie argumen-
tiert dabei unter Berücksichtigung aller wesentlichen Aspekte logisch äußerst
stringent und führt das verfügbare Forschungswissen zu diesem Bereich sowoh
l allgemein theoretisch als auch vor dem Hintergrund der Aufgabe ihrer
Arbeit exzellent zusammen. Besonders hervorzuheben sind die überaus ge-
glückten Abschnitte, in denen Frau Stein die Wechselwirkungen von Fach-
sprache und Fehlvorstellungen sowie von Modellen und Fehlvorstellungen be-
denkt. Gerade letzteres führt sie unter Bezugnahme auf Johnstone tiefgründig
aus und nimmt im Rahmen der fachlichen Erwägungen im Vorfeld der konkre-
ten Erarbeitung von Items im praktischen Teil der Arbeit geglückt darauf Be-
zug. Auf äußerst hohem Niveau bewegt sich auch die Erwägung lerntheoreti-
scher Begründungen für die Beschäftigung mit Schüler(fehl)vorstellungen.
Überaus gelungen ist die Charakterisierung diagnostischer Instrumente wie
des „Concept Cartoons“, der Lernbegleitbögen sowie der Concept Maps, wo6
bei besonders hervorgehoben werden muss, dass es Frau Stein auch im Zu-
sammenhang mit den Concept Cartoons im Laufe der Arbeit immer wieder
vorbildlich gelingt, an die zusammengetragenen theoretischen Überlegungen
anzuknüpfen und logisch stringent auf sie aufzubauen. Zu den Ansätzen des
Conceptual Change gibt Frau Stein einen exzellenten und gerade hinsichtlich
der Frage nach der Ablösung bzw. schrittweisen Veränderung bestehender
Schülerkonzepte hochgradig reflektierten Überblick, der auch aktuelle For-
schungen auf diesem Gebiet nicht außer Acht lässt. Hervorzuheben ist im
Rahmen der hier wiedergegebenen Arbeit auch die Art und Weise, in der Frau
Stein sich dem fachlichen Thema widmet, auf das sich die Fehlvorstellungen
beziehen, die Gegenstand der von ihr entwickelten Erweiterung des Erhe-
bungsinstrumentes werden soll: Sie betrachtet dazu das Thema Redoxreak-
tionen theoretisch und leitet zu Beginn zunächst sehr nachvollziehbar ab, wa-
rum sie sich – entgegen der thematischen Breite im bereits bestehenden In-
strument – dafür entscheiden hat, sich nur eines Themas, diesem dafür aber
in größerer Tiefe, zuzuwenden. Der in diesem Zusammenhang aufgestellten
Behauptung, beim Thema „Redoxreaktionen“ handele es sich um ein Problem-
thema des Chemieunterrichts, das mit vielen Schülerfehlvorstellungen behaftet
sei, verleiht Frau Stein dann – nach einer zunächst erfolgten umfassenden
und zutreffenden Lehrplananalyse – eindrucksvoll Nachdruck, indem sie zu
den zentralen Aspekten „Redoxbegriff“, „Reaktionen von Metallen mit Lösun-
gen und Gasen“ sowie „elektrochemische Zellen“ eine große Zahl von Fehl-
vorstellungen aus der Literatur zusammenführt.
Besonders hervorzuheben sind in dieser Arbeit auch die Überlegungen hin-
sichtlich des methodischen Vorgehens: In hervorragend reflektierter Weise
bedenkt Frau Stein hier ausführlich jeden Aspekt ihres geplanten Vorgehens,
so zum Beispiel die Frage der Gütekriterien für Erhebungsinstrumente, in de-
ren Rahmen sie insbesondere die Objektivität und Validität differenziert dar-
stellt und vor dem Hintergrund ihrer Arbeit ausführt. Besonders eindrücklich
sind zudem die Überlegungen zur Herstellung einer authentischen Situation im
Kontext ihrer Erwägungen zur Validität, die sie zwanglos und logisch einwandf
rei mit der Nutzung von Unterrichtsvignetten in Beziehung zu setzen versteht.
Vor dem Hintergrund all dieser Vorüberlegungen werden in der Arbeit schließ-
lich sechs hervorragend begründete und sorgfältig konstruierte Items zur Er-
weiterung des bestehenden Erhebungsinstruments zur Erforschung des Umg
angs von Lehrkräften mit Fehlvorstellungen von Schülerinnen und Schülern
vorgestellt, wobei eine große Bandbreite an Itemformaten realisiert wird und
die darin zu testenden Fehlvorstellungen nachvollziehbar nach Typ, Kontext
und Lehrplanbezug ausgewählt und eingeordnet werden. Angesichts der Tat-
sache, dass für die Erstellung der vorliegenden Arbeit nur eine sehr begrenzte
Zeit zur Verfügung stand, ist es schließlich hervorzuheben, dass Frau Stein
die von ihr konstruierten Items zusätzlich zu ihrer theoretischen Begründung
und Konzeption in einer kleinen Pilotstudie getestet und entsprechend den Er-
gebnissen weiter optimiert hat.
Mit diesem vorbildlich durchgeführten Entwicklungs- und Erprobungsprojekt
hat Frau Stein im Rahmen ihrer wissenschaftlichen Hausarbeit somit einen
bedeutsamen Beitrag zur Erforschung des Umgangs von Lehrkräften mit
Schüler(fehl)vorstellungen leisten können. Dass diese Arbeit mit dem Martin-
Wagenschein-Preis des Zentrums für Lehrerbildung der Universität Kassel
ausgezeichnet und hier einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird,
erscheint mir vor diesem Hintergrund mehr als gerechtfertigt.

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